Mit der Ausstellung „Unter einem Himmel“, die am 4. Dezember in der Orgelfabrik eröffnet wurde und bis 21. Dezember zu sehen ist, ist in Durlach vermutlich die bislang größte Präsentation ukrainischer Kunst zu erleben. 13 Ukrainerinnen, die überwiegend vor dem von Russland begonnenen Krieg geflohen sind, zeigen Werke, die von Neuanfang, Verlust und Verarbeitung geprägt sind. Alle Künstlerinnen versuchen, ihr Leben neu aufzubauen und weiter zu gestalten.
„Unter einem Himmel. Das bedeutet übrigens, dass eine feindliche Drohne oder Rakete jederzeit und überall einschlagen kann, denn der Himmel kennt keine Grenzen.“
Diese Worte von Olena Yemchenko bei der Vernissage am 4. Dezember waren provokant und unbequem – bewusst. Die Künstlerin aus Donezk ist seit 2023 Mitglied des Künstlerverbands Gedok Karlsruhe.
Die ukrainische Ausstellung weckt starke Emotionen und beeindruckt durch eine große Vielfalt an Farben, Texturen und Formen. Landschaften, Porträts, Stillleben, Ikonen, Fotografien und Objekte eröffnen tiefere Bedeutungsebenen.
Gleich am Eingang fällt ein großes Baumwollstück mit saftigen Wassermelonen von Janett Khelemska ins Auge. Die Künstlerin, Mitglied mehrerer regionaler Kunstvereine, zog 2022 nach Karlsruhe. Für Ukrainer haben die Motive eine besondere Symbolik: Sie stehen für die berühmten Wassermelonen aus Cherson, einer Stadt im Süden der Ukraine, die im März 2022 von russischen Invasoren besetzt und später zurückerobert wurde. „Die zerrissenen Fragmente erinnern an die vom Krieg gebrochenen Leben, während die roten Schnitte wie Wunden die Gewalt und die verlorenen Leben markieren“, kommentiert Khelemska.
Die Installation „Stille Nacht“ der Architektin und Konzeptkünstlerin Iuliia Frantseva besteht aus Trillerpfeifen und bildet einen schmerzhaften Kontrast zur vertrauten Bedeutung des Weihnachtsliedes. Für Ukrainer haben sie eine existenzielle Funktion: Bei Bombenalarm werden sie mitgeführt, um im Falle einer Verschüttung akustische Notrufe abzugeben.
„Der Krieg ist für die Ukrainer immer noch ein zentraler Teil des Lebens. Viele Künstler verarbeiten Trauma, Angst und Unsicherheit in ihrer Arbeit“, erklärt Michael M. Roth, Kurator der Ausstellung und Gründer der Initiative Ukraine Support Karlsruhe (Uska), die die Künstlerinnen zusammengebracht hat.
Uska entstand 2022 mit dem Ziel, der Ukraine zu helfen. Später entwickelten sich Untergruppen für Fundraising, Logistik und Flüchtlingshilfe. Roth selbst bot kostenlose Deutschkurse für Ukrainer an. Das Kunstprojekt gilt als sein Herzensprojekt, entstanden aus der freiwilligen Mitarbeit der Künstlerinnen innerhalb der Initiative. Die erste Ausstellung fand im Oktober 2023 im Orgelfabrik Salon statt.
„Jetzt haben wir die größere Orgelfabrikhalle. Für mich persönlich ist das fast überwältigend“, so Roth.
Der Ausstellungstitel ist bewusst gewählt. „In der Ukraine ist der Himmel gefährlich geworden. Wir leben alle unter einem Himmel, aber unsere Realitäten sind völlig unterschiedlich. Der Kontrast ist frappierend“, reflektiert Roth. Er zieht Parallelen zur deutschen Geschichte – zu Erfahrungen von Teilung, Identitätsverlust und wandelnden Erzählungen.
Zugleich verweist er auf aktuelle politische Debatten: „Manche Narrative stellen Ukrainer unfairerweise als Problem oder als Grund dafür dar, dass das Leben in Deutschland schwierig ist. Aber unsere Arbeit – die Kunst, der kulturelle Austausch – schafft etwas im Gegensatz zu diesen Narrativen. Sie fördert Verbindung, Reflexion und Empathie. Das wird heute mehr denn je gebraucht.“