Wo Spaziergänger den Blick über Felder schweifen lassen, Radfahrer die Pappelallee am Thomashof genießen und Landwirte seit Jahrzehnten ihre Äcker bestellen, könnte künftig eine der größten Freiflächen-Photovoltaikanlagen der Region entstehen. Genau dagegen richtet sich die Petition „Kein Solarpark auf dem Thomashof“, die sich an den Gemeinderat Karlsruhe wendet. Bislang haben 879 Menschen unterschrieben. Für das Bürgerquorum zählen jedoch nur die Unterschriften von Einwohnern des betroffenen Gebiets. Von den bisher eingegangenen Unterschriften erfüllen 654 diese Voraussetzung. Für das erforderliche Quorum, das den Gemeinderat zu einer erneuten Befassung mit dem Thema verpflichten würde, sind 2.400 gültige Unterschriften notwendig.
Geplant ist eine rund 23 Hektar große Agri-Photovoltaikanlage mit Batteriespeicher am Rippertfeld auf der Gemarkung Hohenwettersbach. Investor ist das Nürnberger Unternehmen Greenovative. Nach Angaben der Stadt könnte die Anlage jährlich rund 37.400 Megawattstunden Strom erzeugen. Das entspräche dem Strombedarf von etwa 10.700 Drei-Personen-Haushalten.
Der Standort sorgt jedoch für erheblichen Widerstand. „Wir sind nicht gegen Solarenergie“, betont Nicole Lehnert, Mitinitiatorin der Petition. Ihr eigenes Hausdach sei vollständig mit Photovoltaik belegt. „Aber dieser Standort ist einzigartig und deshalb aus unserer Sicht der falsche Ort.“
Die Initiative befürchtet den Verlust wertvoller Ackerflächen, die bislang von einem ortsansässigen Landwirt für den Anbau von Mais, Weizen und Roggen genutzt werden. Zudem sorgen sich die Initiatoren um das Landschaftsbild rund um die markante Pappelallee, die für viele Menschen ein wichtiges Naherholungsgebiet ist.
Als weitere Kritikpunkte nennt die Initiative mögliche Auswirkungen auf das Mikroklima. Kaltluftströme in Richtung Karlsruhe könnten beeinträchtigt werden. Außerdem sehen die Initiatoren den Lebensraum von Rotmilan und Feldlerche gefährdet. Hinzu kommt die Befürchtung, dass der Wohnwert umliegender Immobilien sinken könnte.
Nach Angaben der Stadtverwaltung wurde die ursprünglich geplante Fläche von 29 auf 23 Hektar reduziert. Vorgesehen sind außerdem Eingrünungen durch Bäume und Sträucher. Dennoch räumt die Verwaltung ein, dass die Anlage insbesondere aufgrund der Hanglage von Stupferich aus deutlich sichtbar bleiben wird.
Bereits im vergangenen Herbst hatten sich die Ortschaftsräte von Hohenwettersbach und Stupferich mehrheitlich gegen das Vorhaben ausgesprochen. Ausschlaggebend war vor allem die befürchtete Beeinträchtigung des Landschaftsbildes.
Inzwischen hat der Investor seine Planung überarbeitet. Statt einer klassischen Freiflächen-Photovoltaikanlage ist nun eine Agri-Photovoltaikanlage vorgesehen. Dabei werden die Solarmodule mehrere Meter hoch aufgeständert, sodass die Fläche grundsätzlich weiterhin landwirtschaftlich genutzt werden kann. Für die Initiatoren der Petition ändert dies jedoch nichts an ihrer grundsätzlichen Ablehnung des Standorts.
Ein weiterer Einwand betrifft die notwendige Netzanbindung. Nach Angaben der Initiatoren müsste der erzeugte Strom über eine neue Leitung zum Umspannwerk Durlach-Aue transportiert werden. Sie befürchten zusätzliche Eingriffe in Natur und Wald. Dieser Aspekt werde in der öffentlichen Diskussion bislang kaum berücksichtigt, kritisiert die Initiative. In der Beschlussvorlage der Stadt werden Trassenführung und mögliche Eingriffe allerdings noch nicht näher erläutert.
Die Stadt Karlsruhe verweist auf die Bedeutung der Energiewende. Nach dem Erneuerbare-Energien-Gesetz liege der Ausbau erneuerbarer Energien im „überragenden öffentlichen Interesse“. Zudem erwartet die Stadt Gewerbesteuereinnahmen sowie freiwillige Zahlungen des Betreibers. Die Kosten für das Bebauungsplanverfahren und die erforderlichen Gutachten soll der Investor übernehmen.
Ob das Projekt umgesetzt wird, ist derzeit offen. Zunächst muss der Gemeinderat über die Einleitung eines Bebauungsplanverfahrens entscheiden. Die ursprünglich für den 23. Juni vorgesehene Abstimmung wurde von der Tagesordnung genommen.
Anschließend sollen unter anderem Fragen des Natur- und Artenschutzes, der Auswirkungen auf das Landschaftsbild sowie weitere Einwendungen geprüft und gegeneinander abgewogen werden.
Die Petition, die neben Nicole Lehnert auch von Ursula Kunz, Jenny Weidner, Petra Lott, Renate Meziane, Hamid Meziane, Julia Hörcher und Oliver Herrmann initiiert wurde, ist rechtlich nicht bindend. Sie macht jedoch die Position der Gegner des Vorhabens sichtbar. Sie kann noch bis zum 23. August unter openPetition.org/xjqww unterzeichnet werden. (svs/red.)